Brauchen wir Leadership in weißen Berufen?

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Coaches können nicht zaubern

Nach einem Vortrag vor Implantologen, kam ich mit einigen Zuhörern ins Gespräch und hörte die Aussage eines Praxisinhabers, auf die ich im ersten Moment keine passende Antwort parat hatte: “Kommen Sie doch mal zu uns in die Praxis, damit dann unsere Helferinnen endlich wieder das machen, was ich will.“ Sicher sprach der Mann den Umstehenden aus der Seele, denn ein zustimmendes Murmeln und Nicken begleitete die Szene. Was vielleicht ein Wunschtraum einiger Führungskräfte ist, ist, um es gleich vorweg zu sagen – nicht machbar. Wir Coaches und Trainer betreiben keinen Voodoo-Zauber, um Mitarbeiter dazu zu bringen, nur noch das zu tun, was der Chef will und nichts anderes. Die Folgen wären in allen Teilen der Wirtschaft fatal. Die subjektive Wahrnehmung Einzelner wäre die Basis aller geschäftlichen Entscheidungen, die nicht korrigierbar wäre und zum Teil unerkannte Fehler enthält. Sämtliche Qualitätsstandards würden ins Bodenlose sacken. Managementtrainer raten sogar dazu, jeden Fehler mit Freuden zu bearbeiten, denn er sorgt für Verbesserung.

Fehlerpotenziale im Vorfeld erkennen

Im medizinischen Bereich ist es unumgänglich, mögliche Fehlerquellen schon im Vorfeld zu erkennen und dagegen zu steuern. Vernünftiges Prozessmanagement und Qualitätssicherung bilden also auch in kleineren medizinischen Unternehmen die Grundlage der alltäglichen Arbeit. Das alle Mitarbeiter nach den festgelegten Vorgaben handeln müssen, ist klar. Um das zu steuern, leisten sich immer mehr niedergelassene Ärzte eine(n) Praxismanager(in). Das sind hervorragend ausgebildete Spezialisten mit einem großen Schatz an Praxiserfahrung. Sie richten Prozesse ein, planen Behandlungstage und Personaleinsatz und haben einen guten Draht zu den Kolleg(inn)en. Sie erstellen gemeinsam mit den Praxisinhabern betriebswirtschaftliche Kalkulationen, so dass sinnvolle und dem fachlichen Wachstum entsprechende Investitionen getätigt werden können. Praxismanager(innen) sind die wichtigste Schnittstelle zwischen Steuerberater, Praxisinhaber(in) und dem Personal. Die meisten Zahnarztpraxen kommen nicht mehr ohne professionelles Management aus. Vielleicht hätte ich den Implantologen danach fragen sollen. Ist die Führungskraft nämlich in ihren Verwaltungsaufgaben entlastet, kann sie sich besser um andere kümmern: Patienten und Mitarbeiter.

„Leadership ist die Fähigkeit, einer Gruppe von Menschen Vision und Richtung zu geben.“
Ilja Grzeskowitz

Betrachten wir die Grafik der Dilts-Pyramide, so sind über dem Management als Spitze die Inhalte des Leadership abgebildet. In den 80er Jahren wurde dieses Modell der logischen Ebenen von Robert Dilts entwickelt. Das Modell ist zum Einsatz bei Veränderungen in Organisationen gedacht, lässt sich jedoch auch auf die Philosophie einer Praxis anwenden.

Wofür stehen wir? Wo sind wir gut? Welche Werte sollen Patienten bei unserem Tun erkennen? Wollen wir besonderes transparent sein, oder die Wartezeiten möglichst gering halten? Sind wir die Praxis, die faire Preise anbietet oder die, die sich besonders viel Zeit für Beratungen und Gesundheitsaufklärung nimmt?

Schon die Erarbeitung dieser Praxisphilosophie bringt ein Team sehr weit in seiner Entwicklung. Die Aufgabe der Praxisinhaber ist es dann, das Verhalten der Mitarbeiter in Rahmen dieser bestimmten Werte zu beobachten und durch Gespräche zu beeinflussen. (Was ist aktuell los? Was fehlt…, um diese Vorgaben zu erfüllen?). Die Führungskraft schafft die Bedingungen dafür, dass Mitarbeiter Vorgaben eigenständig erfüllen können. Sie gibt Feedback und ermutigt jeden im Team, offen über Fehler, Ideen und Veränderungen zu sprechen. Gerade im medizinischen Bereich gilt es, Kontrolle und Motivation in Balance bringen. Wer in seiner Praxis einen Rahmen für Kommunikation und Kooperation aller Mitarbeiter schafft, der sorgt nicht nur dafür, dass sich Mitarbeiter stärker mit der ganzen Einrichtung verbunden fühlen, sondern auch, dass das Verantwortungsbewusstsein für Patienten, für die Kollegen und die Chefin/den Chef immer weiter steigt. Es ist ein tolles Gefühl, einer größeren Sache, einer tollen Praxis zu dienen, viel besser, als nach der Pfeife eines Einzelnen zu tanzen. Die Anfrage des Praxisinhabers lehnte ich übrigens ab, auch wenn es eine gute Vergütung gegeben hätte.

Herzlichst, Ihre Astrid Feuchter

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